Otto Schily – einst engagierter Atomkraftgegner, heute Realist?

Vom Saulus zu Paulus – Unlängst hielt der damalige Innenminister Otto Schily eine Rede auf dem Immobilientag vom Ring Deutscher Makler. Er rechnete dem Publikum vor, dass niemand, der noch bei Verstand sei, die Kohlekraftwerke abschalten könne, wenn er sie nicht durch Atomstrom ersetzt.
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Muss man diese klare Aussage noch mit weiteren Worten untermauern? Wenn man die bisherige vorherrschende politische Haltung betrachtet scheint es dem heutigen grünen Mainstream immer noch nicht bewusst, dass der Strom entgegen der Slogans der 70er Jahre nicht einfach nur aus der Steckdose kommt. Morgen sollen Millionen von E-Autos aus “Wallboxen” betankt werden, weitere Millionen Heizungen auf Strombetrieb umgestellt werden und auch der Strombedarf in der Industrie nimmt eher zu als ab, denn Produktionsmaschinen arbeiten zumeist mit Strom.
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Daraus resultieren eine Menge Fragen, die allerdings medial immer nur an der Oberfläche diskutiert werden, denn zumeist endet die Diskussion bei dem Hinweis, dass die Erneuerbaren Energieerzeuger (Wind, Sonne) ja schon bald und durch ausreichenden weiteren Zubau den deutschen Gesamtstrombedarf decken. Punkt. Glaubt man nicht, dass die Menschen Begriffe wie “Grundlast” und “Lastspitzen” verstehen, oder wird die Diskussion an dieser Stelle unbequem.
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Die Netzbetreiber jedenfalls dürfen und müssen sich fast täglich mit der Frage auseinandersetzen, wie sie die zugesicherte benötigte Last sichern. Auf der Seite des BMWi heißt es jedenfalls
“Der Monitoringbericht des Bundeswirtschaftsministeriums hat auch Szenarien mit geringer Einspeisung aus Wind- und Solaranlagen sehr genau untersucht. Er kommt zu dem Ergebnis, dass in solchen Situationen Gaskraftwerke und Speicher zum Einsatz kommen. Zusätzlich können Lastmanagement und Importe genutzt werden.”
“Speicher” sind ein Zukunftsthema. Weder Pumpspeicherwerke noch Batterietechnologie sind in der Lage, Windstrom in ausreichenden Mengen wirtschaftlich zu speichern. Gründer Wasserstoff ist im Kommen, aber noch unwirtschaftlich, denn jahrelang hat die Politik diese Zukunftstechnologie, die zur Speicherung von Strom geeignet ist, beiseite gelegt. “Lastmanagement” bedeutet “gezielte Abschaltung” – dafür werden die digitalen Smartmeter ja bereits verbaut. “Importe”  bedeutet, dass Deutschland zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit Kohlestrom und Atomstrom importieren muss – das ist heute schon laufende und gängige Praxis. Welch eine heuchlerische Politik, die Atom- und Kohleverstromung gleichzeitig verbannen will und die Residuallast aus dem Ausland aus eben solchen importiert.
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Ja, es ist richtig auch Wind- und Sonnenstrom zu erzeugen – in einem vernünftigen Verhältnis, ohne dadurch wiederum die Umwelt zu schädigen. Der ständige  Gesamtbedarf an Strom richtet sich nicht nach dem Wind und der Sonne. Letztere geht im Sommer übrigens “pünktlich um 17.00 Uhr” aus und leistet im Winter ohnehin einen wesentlich geringeren Beitrag. Netzbetreiber und Versorger sprechen ganz offen vom “Flatterstrom”.
Man möge sich nochmal vor Augen halten, Strom reist mit Lichtgeschwindigkeit – An, Aus.
Die Spitzenlast ist die Menge an Strom, die bei gleichzeitiger Einschaltung von Verbrauchern entsteht. Diese Strommenge muss durch das Kabel, wie bei einer Wasserleitung. Je mehr hinten gleichzeitig rauskommen soll, je dicker muss das Rohr / Kabel sein. Wenn ein Hotel beispielsweise eine durchschnittliche Last von 150 kW hat und zeitgemäß 10 E-Ladesäulen mit einer Last von je 11 kW installiert, steigt die Last bei gleichzeitigen Nutzung aller Ladesäulen um 110 kW, also von 150 kW auf 261 kW – ein mittelgroßes Hotel! Die Dicke des “Kabels in der Hotel-Straße” mag diesen zusätzlichen Bedarf noch verkraften. Nach dem politischen Willen sollen zukünftig in den meisten Liegenschaften E-Ladesäulen integriert werden – privat, öffentlich und gewerblich – das ist nur umsetzbar, wenn man die Infrastruktur der Netze (Kabel) weitegehend erneuert und mit ganz anderen Dimensionen ausstattet.
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Das BMWi spricht ganz offen von Gaskraftwerken zur Aufrechterhaltung der Residuallast – die müssten jedoch zur Abdeckung der Mengengerüste erst einmal gebaut werden. Das BMWi erläutert weiter, die Bundesregierung setze auch auf flexible, gasbetriebene Anlagen zur Kraft-Wärme-Kopplung (Blockheizkraftwerke) und habe zeitgleich mit dem Entwurf des Kohleausstiegsgesetzes auch eine Novelle des KWK-Gesetzes vorgelegt. Damit werde unter anderem gezielt ein Brennstoffwechsel von Kohle auf Gas gefördert.
Insbesondere vor dem Hintergrund der “kommenden Wasserstoffwelt” ist KWK-Technologie einer der ernstzunehmenden CO2-ärmeren Erzeuger von Strom und Wärme, insbesondere, weil Strom am Ort des Bedarfs erzeugt wird und hilft, die Liegenschaft unabhängiger vom Netz zu machen.
Auch Atomstrom als Co2-arme Alternative der grünen Stromerzeugung kommt aus den beschriebenen Gründen langsam wieder in Mode und böse Zungen vermuten, dass es die Grünen sein werden, die eine rolle Rückwärts wagen werden – ansonsten werden wir der Welt zeigen, wie “kompromisslos grün” wir sind und weiterhin “heimlich” unseren Strom aus nachbarschaftlich verbundenen Kohle- und Atomkraftwerken zukaufen.
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Markus A. Stromenger
12.11.2021
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